Erinnerungen

Logbuch der „Grande San Paolo“ vom 14.08.2019:

  • Geschwindigkeit 16,4 kn
  • Position N35°42.718‘/W15°45.467‘
  • seit 5 Tagen kein Land in Sicht.
  • „Spanisch“ Lektion 1 abgeschlossen. ꜟ Hola! Chicos
  • Gelesene Bücher: „Ausreisser, Abenteuer Panamericana“, in zwei Jahren von Alaska bis Feuerland und: Daniel Kehlmann: „Die Vermessung der Welt“ über das Leben zweier Genies: Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß.

Wer den Professor (gemeint ist Gauß, A.d.R.) nach frühen Erinnerungen fragte, bekam zur Antwort, dass es so etwas nicht gebe. Erinnerungen seien, anders als Kupferstiche oder Postsendungen, undatiert. Man finde Dinge in seinem Gedächtnis vor, welche man manchmal durch Überlegung in die richtige Reihenfolge bringen könne.

Anders als früher könnte man heute Tante Google fragen, doch die ist hier nicht erreichbar. Und so erinnern wir uns zwar an den Untergang der „Costa Concordia“, kommen aber nicht auf den Namen des Kapitäns, der aus Disziplinlosigkeit das Schiff vor der italienischen Mittelmeerinsel Gilio auf Grund gesetzt hat, dann die Passagiere ihrem Schicksal überließ und schließlich als einer der Ersten im Rettungsboot saß. In der Erinnerung war er klein, untersetzt und ein Schlitzohr, der zu Protokoll gab ausgerutscht, und so ohne eigenes Zutun in das Rettungsboot gelangt sei. Seit wir an Bord sind, denke ich darüber nach, was wohl aus ihm geworden ist und überlege, ob er jemals eine zweite Chance – z.B. auf einem Frachtschiff – bekommen hat. Die Ähnlichkeit ist frappierend und hier an Bord herrscht eine Disziplin, die ich bisher aus keiner Beschreibung einer Frachtschiffreise kannte – vermutlich eine Bewährungsauflage. Drei Tage hat z.B. der Genehmigungsprozess für meinen Wunsch nach einem Bier zum Abendessen gedauert, Besuche auf der Brücke sind ein Tabu und beim Essen möchte er nicht gestört werden, insofern sind unsere Essenszeiten jeweils vor oder nach den seinen, was für uns z.B. 11:00 Uhr für das Mittagessen entspricht -Punkt 11:00 Uhr! Anders als bei Kapitän Ahab hört man ihn nicht, aber man spürt ihn, wenn er in der Nähe ist.

Auch die anderen Erinnerungen an unser früheres, armseliges, Leben verblassen. Ein Smartphone als ständiger Begleiter in der Hosentasche – das war gestern. Morgens nicht wissen, was es abends zu essen gibt – das war früher. Im Urlaub ausschlafen – haben wir das früher wirklich gemacht? Täglich mehrfach Nachrichten hören, lesen, sehen – wie haben wir nur die Zeit dafür gefunden? Nach nur 5 Tagen auf See sind das alles undatierte Erinnerungen. Und die Innenkabine hilft dabei, auch noch den Überblick über die Tageszeit zu verlieren.

  • 7:00 Uhr: wecken!
  • 7:30: Positionsbestimmung auf Deck mit dem Navi aus dem Auto (auf die Brücke dürfen wir ja nicht), noch 7.265 km bis Vitoria!
  • 8:00 Uhr: Frühstück, wir können bis nach 9:00 Uhr sitzen bleiben, der Kapitän frühstückt vor uns, außerdem wird täglich die Kabine gereinigt.
  • 11:00 Uhr: Mittagessen, um 12 müssen wir verschwunden sein – der Kapitän…
  • 18:00 Uhr: Abendessen, bis 20:00 Uhr muss die Messe geräumt sein: Captains-Dinner ohne Gäste.

Das Essen ist zum Verzweifeln. 3 Gänge mittags, manchmal 4 abends. Der italienische Koch weiß was er kann. Einen Gang auszulassen, weil man eigentlich keinen Hunger mehr hat, ist eine Prüfung. Und: nix Buffet wie auf einer teuren Kreuzfahrt, hier wird vom Steward angereicht – diese täglichen Zeremonien übertreffen all unsere Erwartungen! Kaum vorstellbar, wie wir uns künftig ernähren wollen.

Der kurze Vormittag reicht knapp für eine Runde auf den beiden Oberdecks und der täglichen Erkenntnis, dass die Erde eine Scheibe ist. Und für eine Stunde Spanisch in unserer fensterlosen Kemenate. Nach dem Mittagessen wird wahlweise ein Tischtennisturnier ausgetragen oder das Erlernte vertieft, bzw. das über Mittag Vergessene wieder hervorgekramt. Wer jetzt noch einmal das Zitat von oben liest weiß: Dieser Gauß war wirklich ein Genie.

Dann: lesen! Oder puzzeln! Beides längst vergessene Zeitfresser. Bis zum Dinner bleibt nicht viel Zeit und danach wird Tischtennis im Turnier-Modus gespielt. 22:00 Uhr: Zapfenstreich. Beim Einschlafen träume ich gerne von einem zweiten Bierdöschen, das eine, das ich zum Abendessen bekomme ist längst vergessen.

Summa summarum ist das Frachtschiffreisen eine überraschend kurzweilige Angelegenheit. Wir hatten bisher Glück mit dem Wetter und wir wünschen uns, dass es so bleibt wie die Stimmung unter uns Passagieren. Mit der Änderung des Schiffs von der „Grande Amburgo“ auf die „Grande San Paolo“ hat sich übrigens auch die Route geändert. Statt die afrikanische Westküste abzuklappern bevor es über den Atlantik geht, fahren wir direkt und ohne Halt nach Südamerika um dort die Ostküste abzuklappern, die Reisezeit verkürzt sich aber auf 27 Tage.

Bei der Sicherheitsunterweisung lernen wir, dass es unterschiedliche Gefahren-Level für die Liegeplätze in den Häfen gibt, die wir ansteuern werden. Wiederum interessant: egal welches Level, der Kapitän, der unsere Pässe hat, entscheidet, ob wir Landgang bekommen oder nicht. Wir diskutieren, ob er uns eher beim höchsten Gefahren-Level von Bord lässt, in der Hoffnung, wir kämen nicht wieder, oder gar nicht.

Die erste Sicherheits-Übung hatten wir auch schon. Ohrenbetäubender Lärm aus den Lautsprechern, alle Mann an Deck, Zählapell und alle in die beiden Rettungsboote. 27 Mann Besatzung und 8 Passagiere passen bequem in die Boote mit jeweils 40 Plätzen. Wer war nicht dabei? Genau! Ich mag ihn einfach nicht!

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